Eigentlich wollte ich nur mal eben eine größere Vergaserdüse ausprobieren. Der Motor der Ape ist umgebaut, die neue Düse sollte rein, kurze Probefahrt – vielleicht eine halbe Stunde. Ein völlig unspektakulärer kleiner Garagenbesuch.
So zumindest der Plan. Ich komme also nichtsahnend zur Garage, gehe auf die Ape zu und sehe neben dem linken Hinterrad eine kleine Lache. Hmmmm … Ölig… ! Einmal mit dem Finger dran, vorsichtig geprüft … Bremsflüssigkeit! Ach. Du. Scheiße.
Dabei hatte ich doch gerade erst letzte Woche den Hauptbremszylinder erneuert! Aber gut: Ruhe bewahren. Mittlerweile habe ich für die Ape ohnehin ein kleines persönliches „Das-geht-bestimmt-auch-bald-kaputt“-Ersatzteillager angelegt. Und tatsächlich: Radbremszylinder vorhanden! Hatte ich letztes Jahr zur Vorsicht mal im Dreierpack gekauft; ist ja ein Dreirad! Na bitte. Kann ja nicht so schwer sein.
Dieser Gedanke sollte sich im weiteren Verlauf noch als ausgesprochen optimistisch herausstellen…
Also Ape aufgebockt, Lappen untergelegt und das Hinterrad runter.
Zumindest theoretisch.
Die Radmutter hatte offenbar irgendwann jemand angezogen, der entweder im Hafen Schiffsschrauben montiert oder nebenberuflich Gewichtheben betreibt. Auch das Bild von „Popeye – Der Seemann“ geht mir kurz durch den Kopf: Gefühlt 300 Nm plus Loctite, Hass und italienischer Nationalstolz.
An dieser Stelle hätte ich gern Hulk als Kumpel gehabt. Aber irgendwann: KNACK! Los! Ha… !
Rad runter, Gummihandschuhe an und Bremsleitung vom Radbremszylinder gelöst.
Nächste Erkenntnis:
Bremsflüssigkeit respektiert weder Arbeitspläne noch den Wunsch des Schraubers, dass sie bitte einfach dort bleiben möge, wo sie gerade ist. Also schnell einen Stopfen improvisiert, Gummischlauch drauf mit Kabelbinderende; hält!
Der alte Radbremszylinder war jedenfalls eindeutig als Täter identifiziert: Seitlich schön feucht und siffig.
Okay, Freundchen. Du fliegst raus!
Bevor irgendetwas auseinandergebaut wird: Foto machen! Dafür haben wir ja den digitalen Handyscheiß immer am Mann! Das habe ich über die Jahre gelernt. Denn ein Foto ist die einzige Möglichkeit, seinem zwei Stunden älteren Ich später zu beweisen, dass diese 17 Teile tatsächlich irgendwann einmal sinnvoll zusammengehört haben.
Dann die Federn: Erste Feder: geht. Zweite Feder: auch. Dritte Feder: Hmm. Ordentlich Spannung drauf.
Also Zange angesetzt, gezogen … noch ein bisschen … noch etwas …SPLOING!
…
Stille! Vor mir liegt plötzlich ein ungefähr 30-teiliges Bremsen-Puzzle! Prima!
Aber gut: Jetzt liegt wenigstens alles schon einmal draußen.
Der Zusammenbau? Ganz klar ein Problem für Zukunfts-Boedi. Und ich vertraue diesem Mann. Meistens.
Jetzt also den Radbremszylinder ausbauen. Dabei durfte ich erneut einen kurzen Einblick in die Gedankenwelt italienischer Fahrzeugkonstrukteure genießen.Ich stelle mir die damalige Entwicklungsabteilung ungefähr so vor:
„Luigi, wo sollen wir die Schrauben vom Bremszylinder hinsetzen?“
„Da hinten.“
„Aber dann kommt man doch mit keinem normalen Schlüssel mehr dran!“
„Esatto!“
„Genial! Espresso?“
Und genau dort sitzen sie! Man bekommt den Schlüssel drauf – und kann ihn dann ungefähr zwei Millimeter bewegen.
Absetzen – Neu ansetzen – Zwei Millimeter – Absetzen – Neu ansetzen – Zwei Millimeter…
Nach einer gefühlten Dreiviertelstunde und einigen persönlichen Bemerkungen über italienische Ingenieursausbildungen ist der alte Zylinder endlich draußen.
Der neue kommt rein!
Ich liege mittlerweile halb unter der Ape, halb im Garagendreck und ziehe wieder Schrauben mit etwa zwei Millimetern Schlüsselweg fest.
Irgendwann: Drin! … das war ja einfach (Boris Becker mit einer AOL-CD vorm geistigen Auge); Sehr schön.
Jetzt alles gründlich mit Bremsenreiniger sauber machen. Die alte Bremsflüssigkeit muss weg – schließlich wäre es ausgesprochen ungünstig, wenn die Bremse nach der Reparatur zwar technisch funktioniert, die Beläge aber anschließend mit der Trommel eine kleine Schlittschuhveranstaltung durchführen.
Also reinigen. Noch mal reinigen.
Und zur Sicherheit: noch mal reinigen.
Dann kommt der Zusammenbau. Die ersten Teile finden überraschend schnell ihren Platz. Das Foto hilft. Zukunfts-Boedi ist zufrieden mit Vergangenheits-Boedi. Dann die Federn. Mit der Zange? Keine Chance. Mit einem Haken? Schon deutlich besser.
Eine Feder drin – Zweite Feder drin – Und dann bleibt die letzte!
Ich schaue die Feder an – Die Feder schaut mich an.
Wir wissen beide, dass jetzt einer von uns verlieren wird. Sie müsste ungefähr zwei bis drei Zentimeter länger werden, damit sie dort einhakt, wo sie hingehört. Mein Werkzeug schafft vielleicht ein bis zwei Millimeter!
Ich ziehe – Nichts! Mehr Kraft – Nichts! Noch mehr Kraft…
Die Feder zeigt keinerlei Bereitschaft zu Verhandlungen. Wo ist Hulk, wenn man ihn braucht?
In meinem Kopf entsteht inzwischen ein ziemlich klares Bild des Ingenieurs, der diese Bremse entwickelt hat:
Er sitzt irgendwo in Pontedera am Zeichenbrett. Breite Schultern. Oberarme wie Baumstämme.
Sieht ein bisschen aus wie Arnold Schwarzenegger auf Steroiden.
Neben ihm stehen zwei Kollegen, trinken Espresso und schauen sich die Konstruktionszeichnung an.
„Meinst du, ein normaler Mensch bekommt die Feder wieder drauf?“
Arnold lächelt.
„Nein.“
Alle lachen.
Und plötzlich wird mir klar:
Das war niemals eine Bremse.
Das war ein italienischer Eignungstest.
Und irgendwo in Italien sitzt wahrscheinlich noch heute ein pensionierter Piaggio-Ingenieur auf seiner Terrasse, trinkt Espresso und spürt instinktiv: Da liegt gerade wieder irgendwo einer unter einer Ape und flucht.
Die Vergaserdüse?
Die liegt übrigens weiterhin unangetastet auf der Werkbank.
Also gut: Aus einem Beutel mit zehn Düsen die 82er rausgesucht. Die Zahl ist so groß eingeprägt, dass selbst eine Ameise wahrscheinlich erstmal eine Lupe holen würde. Gefunden! Benzinleitung professionell mit einer Schraubzwinge verschlossen, Vergaser geöffnet … Benzinbad genommen.
Ja. Natürlich.
In der Schwimmerkammer stehen halt immer noch ungefähr 50 ccm.
Prost.
Egal. Düse rausgeschraubt. Dann der Moment, in dem man sich das neue Teil anschaut und denkt:
Irgendwie sieht die kleiner aus.
Mist.
Ich hatte 4 mm angenommen. War auch so beschrieben.
Aber mein italienischer Lieblingsingenieur mit dem breiten Grinsen hatte offenbar irgendwann entschieden:
„Ach, heute nehmen wir mal M6. Liegt hier gerade noch rum.“
Also:
Neues Düsensortiment bestellt.
Die Bremse ist noch nicht fertig.
Die neue Düse passt nicht.
Ich stehe immer noch in der Garage.
Und ursprünglich wollte ich eigentlich nur …
mal eben eine größere Vergaserdüse ausprobieren.
Fortsetzung folgt…